Leben in der „Optimalwohlökonomie“: Die feine Linie zwischen Utopie und Dystopie in Theresa Hannigs „Die Unvollkommenen“

Theresa Hannig über ihren neuen Roman Die Unvollkommenen, die Gefahren von Utopien und die Fallstricke von Algorithmen und künstlicher Intelligenz

Theresa Hannig gewann 2016 mit ihrem Debüt-Roman Die Optimierer den 1. Stefan-Lübbe-Preis, woraufhin der Roman 2017 bei Bastei Lübbe publiziert wurde. Im Juni 2019 erschien Hannigs neuer Roman Die Unvollkommenen, der inhaltlich Die Optimierer fortsetzt, thematisch, aber neue Schwerpunkte setzt.

Hier ein kleiner Vorgeschmack:

Bundesrepublik Europa, 2057: Es herrscht Frieden in der Optimalwohlökonomie, einem lückenlosen Überwachungssystem, in dem mithilfe von Kameras, Linsen und Chips alles erfasst und gespeichert wird. Menschen und hochentwickelte Roboter sollen Seite an Seite leben. Störenfriede werden weggesperrt. So auch die Systemkritikerin Lila. Als sie im Gefängnis aus einem künstlichen Koma erwacht, stellt sie fest, dass ihr schlimmster Albtraum wahr geworden ist: Die BEU wird von einer KI regiert. Samson Freitag wird als Gottkönig verehrt und erpresst von den Bürgern optimal-konformes Verhalten. Für Lila steht fest, dass sie Samsons Herrschaft und die Entmündigung der Menschen beenden muss. Ihr gelingt die Flucht, doch Samson spürt sie auf und bietet ihr einen Deal an, den Lila nicht ausschlagen kann…

Hallo Theresa, in Deinem Buch Die Unvollkommenen beschreibst Du eine Dystopie, in der die Menschen im Jahr 2057 leben. Es herrscht eine lückenlose Überwachung und Störenfriede werden weggesperrt. Was hat Dich dazu motiviert, eine solche Dystopie als Grundlage für Dein Buch zu verwenden?

Die Dystopie ist nicht die Grundlage für ein Buch, sondern die Geschichte mit der Protagonistin Lila entwickelt sich zu einer Dystopie, weil man die Lebensumstände der Charaktere und die Welt, in der sie sich befinden, für nicht erstrebenswert hält. Die Unvollkommenen schließt zeitlich an Die Optimierer an. Die Welt, die ich in diesen beiden Romanen entwickelt habe, zeichnet sich durch totale Überwachung und Bevormundung der Menschen durch ein System aus, das „nur das Beste“ für sie will. Im Verlauf der Geschichte sieht man aber, dass „gut gemeint“ nicht „gut“ ist, im Gegenteil: Lila erkennt, dass es zum Menschsein und zu einem lebenswerten Dasein gehört, nicht perfekt zu sein.

Werden Utopien zwangsläufig immer zu Dystopien?

Nein. Es kann sein, dass Vorstellungen, die zu bestimmten Zeiten als erstrebenswert galten von der Geschichte überholt werden. Ich habe „Die Optimierer“ so angelegt, dass sie Platons „Politeia“ ins Jahr 2052 transportieren. Die Ideen, die den damaligen griechischen Philosophen dort als wünschenswert galten (wie z.B. die Aufgabe der familiären Kindererziehung zugunsten eines staatlichen Erziehungssystems oder die staatlich gelenkte Partnerwahl), will heute niemand mehr umsetzen, weil wir in der Zwischenzeit andere Freiheiten und Technologien haben, die einige der damals zugrundliegenden gesellschaftlichen Probleme lösen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Dystopien irgendwann zur Realität werden, die betreffenden Personen dies aber gar nicht mehr als negativ empfinden. Ich werde heute schon gefragt, ob meine Romane eher als Utopie oder als Dystopie zu lesen sind. Daran erkenne ich, dass Dinge, die ich furchtbar finde, für manche Menschen durchaus attraktiv sind. Für mich ist dies bei allem technischen Fortschritt und allem Wohlstand relativ einfach zu beantworten und zwar indem ich 2 Fragen stelle:

1. Geschieht das, was geschieht unter Zwang?

2. Muss eine Person/Gruppe für dieses oder jenes erstrebenswerte Ziel unschuldig leiden?

Wenn eine der beiden Fragen mit JA beantwortet wird, ist die Geschichte in meinen Augen eine Dystopie. Um sich den zweiten Punkt zu verdeutlichen empfehle ich die Lektüre der Kurzgeschichte The Ones Who Walk Away From Omelas von Ursula K. Le Guin.

Du beschreibst eine Zeit, in der eine KI die Welt regiert und Menschen zu optimal-konformen Verhalten zwingt. Erleben wir nicht schon bereits, in Zeiten von sozialen Netzwerken, wie unsere Gedanken und unser Verhalten durch Algorithmen bestimmt werden?

Einerseits ja, denn die Algorithmen der Suchmaschinen und Sozialen Medien bestimmen tatsächlich einen Großteil dessen, was wir im Internet zu Gesicht bekommen. Und den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass das, was sie sehen, nicht das „ganze“ Internet ist, sondern lediglich ein auf ihre Interessen (als Zielgruppe für Werbung) zugeschnittener Teil.  Andererseits nein, die Gefahr lauert meiner Meinung nach an anderer Stelle: Hate Speech, Online-Radikalisierung und Verbreitung von Verschwörungstheorien. Die Welt ist verdammt kompliziert und die wenigsten von uns können auf Anhieb begreifen, wie große Zahlen, Big Data, Statistiken und globale Gesamtzusammenhängte funktionieren. Deshalb suchen wir uns Repräsentanten und Experten, die für uns die Informationen in verständliche Häppchen aufbereiten. Früher waren das die etablierten Medien mit (hoffentlich) hohem journalistischem Anspruch. Heute kann es sein, dass Menschen ihre komplette Tagesinformation aus den Sozialen Medien und von Influencer*innen erhalten, die bislang für Schminktipps oder Kochrezepte zuständig waren. Wenn diese Leute nun die Welt erklären, werden ihre Follower mit einer sehr einseitigen Sicht der Dinge konfrontiert. Wenn diese Sicht als „Wahrheit“ empfunden wird, könnte es sein, dass sie irgendwann in einer völlig anderen Welt leben als Menschen, die sich aus anderen Quellen informieren. So könnte uns der Grundkonsens für eine friedliche Gesellschaft verlorengehen.

Vielen Dank für das nette Gespräch.


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3 Replies to “Leben in der „Optimalwohlökonomie“: Die feine Linie zwischen Utopie und Dystopie in Theresa Hannigs „Die Unvollkommenen“”

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