Dieses Buch stellt unser Menschenbild auf den Kopf

„Die meisten Menschen sind im Grunde gut“ (Rutger Bregman).

Als ich nach dem Lesen dieses Buches in meinem Freundes- und Bekanntenkreis mit dieser Aussage ankam, stachen zwei Reaktionen besonders heraus. Zum einen die, derer, die sie für eine naive Floskel eines Typen halten, der vielleicht ein bisschen zu gutmütig ist und den Sinn für die Realität ein wenig verloren hat und zum anderen die Reaktion derer, die sie für eine radikale Idee halten.

Setzt man Rutger Bregmans Im Grunde gut nun einmal in die Praxis um und beobachtet, wie man selbst und die meisten Mitmenschen sich verhalten, denen man Tag für Tag begegnet, stellt man eventuell schnell fest, dass es sich bei dieser Aussag vielleicht weder um eine radikale Idee, noch um eine naive Floskel handelt, sondern sie einfach einem realistischen Ansatz entspricht:

Wie unser negatives Menschenbild entsteht und unsere Weltsicht verzerrt.

“Die Zahl der Menschen in extremer Armut ist gestern um 137.000 Gesunken” (Rosling, 2018, S.66)*. Ein Fakt, der seit 25 Jahren jeden Tag in der Zeitung hätte stehen können, dennoch haben die meisten Menschen noch nie davon gehört und geben generell an, dass Welt sich eher verschlechtert als verbessert (S.31).

Ein Phänomen, das deutlich an der Angst vor Flugzeugabstürzen wird. Zwar geht die Anzahl an Flugzeugabstürzen stetig zurück, die Angst vor einem solchen steigt paradoxerweise immer weiter. Schauen die Menschen also zu wenig Nachrichten? Das Gegenteil ist der Fall! Je mehr Nachrichten die Menschen schauen, desto weiter entfernen sie sich in ihrem Weltbild der Realität, hin zu einer negativeren Sichtweise auf die Welt und die Menschheit.  Nachrichtensender nun zu Verurteilen macht allerdings wenig Sinn, so reagieren diese Mittlerweile in einer von wachsender Konkurrenz geprägten Medienlandschaft nur auf die Nachfrage der Konsumenten.

Warum “gefallen” uns drastische und negative Nachrichten nun also besser? Bregman gibt in diesem Buch zwei treffende Gründe an, die Psychologen für die Anfälligkeit der Menschen für trostlose Nachrichten haben:

Zum einen der “negativity bias”: Demnach sind Menschen sensibler für schlechte Neuigkeiten, als für gute. So starb man zu Zeiten der Jäger und Sammler nicht an zu viel Furcht, aber an zu wenig. Zum anderen trifft bei Menschen häufig der “availability bias” zu, also dem Gefühl, dass Tatsachen häufiger auftreten, wenn man ein Beispiel (z.B. Flugzeugabsturz) dafür nennen kann (S.32).

Hört man nun also eine gute und eine schlechte Nachricht, überwiegt meist die schlechte und sorgt dafür, dass wir das Ereignis auch noch überschätzen. Unsere Weltsicht wird also durch diese Nachrichten verzerrt.

Wie wir durch kritisches Denken ein positives und realistisches Bild auf die Menschheit und die Welt bekommen!

Wie können wir diesem verzerrten Menschen- und Weltbild nun entgegenwirken? Bregman gibt einem hierfür in Im Grunde gut eine Vielzahl von Hinweisen an die Hand und beschreibt auf eindrucksvolle Weise, wie uns weltbekannte und häufig immer noch weit verbreitete  Experimente, wie das Stanford Prison Experiment oder Stanley Milgram und seine Schockmaschine getäuscht haben. Zudem  wird deutlich, wie die gesellschaftlichen Strukturen stark von einzelnen Personen geprägt wurden, welche eine völlig verzerrtes Menschenbild auf Grundlage ihrer eigenen Selbstwahrnehmung vermittelt haben (Stichwort: Machiavelli, Hobbes und Golding’s Herr der Fliegen). Zudem veranschaulicht er sehr schön, wie Macht die Menschen negativ beeinflusst und wieso BMW- Fahrer das schlimmste Fahrverhalten an den Tag legen (S. 252).

Die wichtigsten Hilfsmittel im Kampf gegen ein negatives und unrealistisches Menschenbild, die ich für mich aus diesem Bestseller mitnehmen konnte, sind zum einen das Stärken des Mitgefühls (z.B. durch Meditation) und zum anderen das rationale Denken. Ich denke, wir sollten schrecken verbreitende Experimente und Nachrichten nicht einfach hinnehmen, ohne sie kritisch zu hinterfragen. So wird einem zum Beispiel schnell klar, dass Gustave le Bons Titel Psychologie der Massen von 1895 (welches von bekannten Gegnern der Corona-Maßnahmen im Jahr 2020 gerne zitiert wurde) weder im ersten, noch im zweiten Weltkrieg bewahrheitet hat.

Und wenn in Schulklassen immer noch William Golding’s Roman von 1954 Der Herr der Fliegen gelesen wird, dann sollten sie womöglich auch erfahren, was tatsächlich passiert ist, als sechs Jungen im Alter von 13 bis 16 Jahren für über ein Jahr auf einer verlassenen Insel gestrandet sind. (Teaser: Der traurig stimmenden und allgemein für realistisch gehaltenen Geschichte Golding’s steht hier eine herzerwärmende wahre Begebenheit entgegen).

Ein neuer Realismus und wie dieses Buch mein eigenes Denken und Handeln nachhaltig beeinflusst hat!

Ich kann sagen, dass mich Im Grunde gut in einem positiven Menschenbild gestärkt hat und mich dazu motiviert, immer weiter daran zu arbeiten. Die zehn Lebensregeln, mit denen er dieses wirklich mitreißend geschriebene Buch abschließt, haben bei mir teilweise ein Aha-Erlebnis ausgelöst und mich teils noch zum Umdenken inspiriert.

“Geh im Zweifelsfall vom Guten aus” (S. 416) zum Beispiel beschreibt sehr schön wie wir nicht nur anderen, sondern auch uns selbst das Leben deutschlich erleichtern können, oder wie Bregman die Psychologin Maria Konnikova zitiert: “Man solle besser einkalkulieren, dass man hin und wieder betrogen werde. Das sei ein kleiner Preis für ein ganzes Leben, in dem man anderen mit Vertrauen gegenübertreten dürfe” (S. 418).

Schlussendlich kann man natürlich sagen, dass ein solches Buch mit einer klaren Absicht verfasst wurde und sich immer Beispiele dafür finden, wann der Mensch nicht gut ist. Letztendlich denke ich, stecken sicher in jedem Menschen ein paar negative Eigenschaften, allerdings aber auch eine ganze Menge gute! Zudem fängt ein positives Menschenbild auch mit dem Glauben an eben dieses an.

Eine bekannte Metapher dazu zum Abschluss, mit der Bregman sein Buch einleitete,  ist die von den zwei Wölfen:

Ein Großvater sagte einst zu seinem Enkel: “In mir findet ein Kampf statt, ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Einer ist schlecht, böse habgierig, eifersüchtig, arrogant und feige. Der andere ist gut - er ist ruhig, liebevoll, bescheiden, großzügig, ehrlich vertrauenswürdig. Diese Wölfe kämpfen auch in dir und in jeder anderen Person.”
Der Junge dachte einen Moment nach und fragte dann: “Welcher Wolf wird gewinnen?”
Der alte Mann lächelte.
“Der, den du fütterst.” (S. 28)

*[Eine umfangreiche Rezension zu Hans Rosling’s Buch Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist findet ihr unter der Rubrik Gut Leben mit dem Titel “Factfulness: Wie uns Fakten dabei helfen die Welt zu verstehen und uns Hoffnung schenken!“].

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